Let's Go Magazin
01/24
2/11

Zu uns kommen keine Bedürftigen. Zu uns kommen Gäste!

Bahnhöfe sind Orte des Kommens und des Gehens. Doch sie sind immer da: die Mitarbeitenden der Bahnhofsmission. Wer am Bahnhof Hilfe braucht oder auch nur eine warme Tasse Kaffee und einen trockenen Platz, ist hier willkommen. Wir haben einen Vormittag mit Sabine Ortloff bei der Bahnhofsmission am Augsburger Hauptbahnhof verbracht.


Ein verregneter Donnerstagvormittag am Augsburger Hauptbahnhof. Draußen ist es kalt und nass, aber sobald man die kleine braune Holztür an Gleis 1 öffnet und die Räume der Bahnhofsmission betritt, wird es warm und gemütlich. Dafür sorgen heute Morgen Sabine und ihr Team. Wie jeden Morgen verteilen sie frischen Kaffee, belegte Brötchen und Plundergebäck. „Wir öffnen um neun und dann kann es sein, dass vor der Tür tatsächlich schon zehn, zwölf Leute warten, um bei uns zu frühstücken." Sabine arbeitet bei der Diakonie für die Bahnhofsmission. Ihr Dienst heute: Brötchen und warme Getränke ausgeben, nebenbei E-Mails schreiben und die Kontakte mit den Besucher:innen dokumentieren. Viele der Gäste kennen sie beim Vornamen und werfen ihr beim Kommen oder Gehen einen Gruß zu.

Von Verpflegung bis Reisehilfe

Auch um 11 Uhr sind die Tische der Augsburger Bahnhofsmission noch voll besetzt, ein zufriedenes Durcheinander an Stimmen erfüllt den Raum. Es riecht nach Kaffee, den Sabine und ihre Kolleg:innen im Dauereinsatz brühen. Dazu erfüllen sie alle Wünsche, die eine zweistöckige Glasvitrine, in der sich süße und herzhafte Backwaren stapeln, hergibt. „Unser Schwerpunkt liegt in der Verpflegung“, erzählt Sabine. „Wir haben viele Unterstützer hier am Bahnhof und in der Stadt, von denen wir Lebensmittelspenden vom Vortag abholen oder zum Teil auch gebracht bekommen und geben die an unsere Gäste weiter." Das hat sich rumgesprochen. „Die Menschen kommen, um etwas zu essen oder um sich einfach zu treffen, weil sie sich den Cafébesuch finanziell nicht leisten können.“ Doch die Arbeit der Bahnhofsmission hört nicht in den Gasträumen an Gleis 1 auf. Über die Verpflegung hinaus bieten Sabine und ihr Team auch Reisehilfe an, zum Beispiel für ältere Menschen oder Eltern mit kleinen Kindern, die mit dem Zug unterwegs sind.

Eine besondere Beziehung zum Bahnhof

Sabine Ortloff ist gelernte Industriekauffrau, sie kommt ursprünglich aus Hagen in Nordrhein-Westfalen. Hier entwickelt sie früh ein Faible für Züge und Technik. Später baut sie auch eine ganz besondere Beziehung zu Bahnhöfen auf: „Mein Mann hat vier Jahre im Ausland gearbeitet und ist jedes Wochenende mit der Bahn nach Hause gekommen. Das war natürlich eine positive Verknüpfung“, sagt Sabine. „Dieses Kommen und Gehen, die Züge, manchmal liebe ich auch den Lärm und die Gerüche.“ Für die gelernte Industriekauffrau, die selbst immer viel und gern mit der Bahn gereist ist, stand recht bald fest: Wenn Ehrenamt, dann Bahnhofsmission. Aus dem Ehrenamt wurde dann die Festanstellung bei der Diakonie.

Keine Termine, keine Anmeldungen

Während Sabine Ortloff erzählt, bekommt eine 90-jährige Rentnerin von einem Kollegen eine Tasse Kaffee, ein Brötchen und dazu eine geräucherte Wurst durch ein Glasfenster in der hohen gläsernen Atelierwand gereicht, die die Besucherräume von der Küche und dem Büro trennt. Dort schmieren die Mitarbeitenden der Bahnhofsmission geschäftig Brote und bereiten die Thermoskannen mit Kaffee vor. Die räumliche Trennung zu den Besucherräumen sei tatsächlich wichtig, denn nicht alle Gäste der Bahnhofsmission sind so gut gelaunt, wie es die meisten heute sind. Es gibt auch Situationen, in denen übellaunige Personen in ihre Schranken gewiesen werden müssen. Die Bahnhofsmission ist im Vergleich zu anderen Hilfsangeboten für Menschen mit Bedürfnissen ein sehr niederschwelliges Angebot, erklärt Sabine: „Bei uns braucht man keinen Termin, keine Anmeldungen. Bei uns muss auch niemand irgendetwas von sich preisgeben“. 

Das Telefon klingelt. Eine Frau erkundigt sich, ob ihr ehemaliger Lebensgefährte heute da gewesen sei. Sabine weiß sofort, um wen es geht, wann er heute da war und hat sogar noch im Kopf, dass der Mann seine Tasse mit der eigentlich verletzten rechten Hand gehalten hat. Entwarnung für die Anruferin. „Herzensbildung und Lebenserfahrung“ bräuchte man für eine Tätigkeit bei der Bahnhofsmission. Und dann sei es eine wirklich schöne Aufgabe, bei der man viel Dankbarkeit erfahre und die viel mehr Abwechslung biete als jedes Büro. Bei der Bahnhofsmission sind sowohl Ehrenamtliche tätig als auch Mitarbeitende in Anstellung. Jungen Menschen könne sie nur empfehlen, sich eine Bewerbung bei der Bahnhofsmission zu überlegen: „In aller Regel macht man das am Bahnhof seiner Heimatstadt und tut so seiner Stadt was Gutes“.

Der Kaffee kommt mit Ruhe und Gemütlichkeit

Wenn es gewünscht ist, stehen die Mitarbeitenden der Bahnhofsmission auch zur Verfügung, wenn die Gäste Hilfsangebote benötigen, zum Beispiel, wenn es darum geht, eine Unterkunft zu bekommen oder wenn es gesundheitliche Schwierigkeiten gibt. Zwei Mal im Jahr bieten zudem die "Barber Angels" ihre Dienste an. Die Friseure kommen an ihren freien Tagen aus ganz Bayern angereist und schneiden den Gästen der Bahnhofsmission kostenlos die Haare und den Bart. Auch das haben Sabine und ihr Team möglich gemacht.

Ein Haarschnitt, eine Tasse Kaffee in Ruhe. „Es ist ganz wichtig, die Menschen, die zu uns kommen, als Gäste zu bezeichnen, das drückt ja auch schon eine Wertschätzung aus.“ Sabine ist es wichtig, dass ihre Bahnhofsmission ein Ort ist, in dem Menschen gerne und in Würde ihre Zeit verbringen können. Das spiegelt auch die Einrichtung wider, denn die Räume laden zum Zeit verbringen ein. Die Wände sind in freundlichem Gelb gehalten und statt kalten Neonröhren an der Decke spenden hier ovale Hängeleuchten warmes Licht. Besonders die Couch aus weinrotem Kunstleder liegt Sabine am Herzen. Hier könne man es sich auch mal gemütlich machen.

Keine Versorger – sondern Gastgeber

Die Wertschätzung spürt man auch von Seiten der Gäste. Mittlerweile hat sich der Rentnerstammtisch eingefunden, der regelmäßig in der Bahnhofsmission gemeinsam Kaffee trinkt. Zwei Herren und zwei Damen sitzen an dem großen Tisch mit der Couch. Es wird gelacht. Geschichten von früher. Für Sabine sind genau das die Momente, die sie an ihrer Tätigkeit so schätzt: „Dann fühlt man sich als Gastgeber und gar nicht nur als Versorger, der für das Essen zuständig ist.“

Sabine würde sich wünschen, dass auch Menschen in der Bahnhofsmission vorbeikommen, die nicht unbedingt auf das Gratisangebot angewiesen sind: „Wenn man sich wirklich mal die Geschichten der Leute anhört, die hier herkommen, sind da Schicksalsschläge dabei, die reichen würden, um zehn andere Leute aus der Bahn zu werfen. Und das wäre natürlich schön, wenn die Reisenden mehr miteinander in Kontakt kämen.“



Bahnhofsmissionen findest du außer in Augsburg auch an den Go-Ahead Haltepunkten München, Würzburg, Aalen, Ulm und Lindau.

Das gesamte Angebot der Bahnhofsmission, Kontaktmöglichkeiten und Informationen zu einem möglichen Engagement findest du auf der offiziellen Homepage der Bahnhofsmission.